 Redundanter Kapitän Am nächsten Morgen bin ich schon früh auf den Beinen, denn ich bin fest entschlossen, die Schleuse im ersten Durchgang zu passieren, vor allem um noch vormittags die Schleusentreppe von Foncèrannes zu erklimmen, da wir andernfalls den halben Tag vor Bèziers liegen würden.
Also wird der Motor kurz nach acht angeworfen und ich tuckere beinahe im Leerlauf an einer schier endlosen Kette von "schlafenden" Booten vorbei bis zur Schleuse. Dort ist noch der dritte Platz frei - das hatte ich vorher kontrolliert. Inzwischen sind auch die anderen aus den Federn gekrochen und es gibt aufgebackene Baguettes und Kaffee.
 gleich geht's los...
Als um neun die Schleusentür aufgeht stehen schon ein dutzend Kapitäne mit scharrenden Hufen in der Spur, doch der norwegische Skipper der ersten Motoryacht schaut nach hinten und bleibt rechts vor der Schleuse stehen. Was jetzt? Von hinten nähert sich das Hotelschiff, welches sich schon gestern Abend vorgedrängelt hat und langsam schiebt sich die "Claire de lune" in die Schleuse. Berufsschiffahrt geht vor - und so müssen einige voreilige Skipper ihre Boote wenden und sich wieder in der Schlange einreihen.
 Die Nußschale drängelt vor...
Nur eine kleine ungeduldige Nußschale kreiselt unaufhörlich vor der Schleuse herum und drängelt sich noch vor uns hinein. Als wir dann endlich die letzte Schleuse vor der Schleusentreppe erreichen, müssen wir draussen bleiben, weil die Schleusen hier kleiner sind und die Nußschale als das letzte Boot einfahren darf.
Spätestens jetzt ist klar, das wir das Aufwärtsschleusen am Vormittag nicht mehr schaffen werden. Das gibt uns Zeit die beeindruckende Schleusenanlage (Luftbild, flußabwärts gesehen) oberhalb von Bèziers genauer in Augenschein zu nehmen und Fotos von der Brücke des Canal-du-midi über die Orb zu schießen - wann bekommt man sowas schon mal zu sehen!
 über diese Brücke müssen die Boote fahren
Nach dem Mittagessen wird noch ein kleiner Spaziergang zum Beobachten der herabschleusenden Boote gemacht. Inzwischen hat sich die Menschenmenge an der Schleusentreppe verdoppelt und eine Jazzkapelle spielt - es hat schon fast Volksfestcharakter, zumal an der Strecke auch das Ziel eines Marathonlaufes zu sein scheint. Super Vorraussetzungen für eine Hobby-Crew beim Schleusen...
Erstaunlich ist es, wie die großen Pötte die Schleusen passieren. Manchmal hat man den Eindruck, sobald die Schleusentore schließen, wird der Kahn noch um einen halben Meter zusammengedrückt, so wenig Platz verbleibt.
 Scheusentreppe: gleich zwei Schleusenkammern sind offen
Endlich ist es 16:00 Uhr und wir dürfen als erste in die unterste Schleuse einfahren. Martina steht schon oben an der Schleusenmauer und nimmt unser Tau entgegen. Sie steht auf der rechten Seite der Schleuse, was, wie sie später feststellt, ein Fehler ist.
Um den "Stau" an Booten hinter uns schnell auzulösen, werden immer zwei
Kammern geflutet, was zu sehr stark strömenden Wasser führt. Um die
Crew an den Seilen zu entlasten lasse ich den Motor in der Schleuse mit
halber Kraft und Ruder hart steuerbord laufen, denn es ist fast
unmöglich das Boot um die Klampen und den Poller gegen die Strömung zu
ziehen. Da der Wasserspiegel steigt, werden die Abstände zum Poller
aber immer kürzer und das Boot würde sonst nach hinten bzw. zur anderen
Seite treiben.
 Der Tunnel von Malpas ist 161m lang
Der Schleusenwärter zeigt uns, dass wir gleich mit geführtem Seil in
die nächsten Kammern fahren sollen und Martina hat Schwierigkeiten das
Seil schnell genug vorbei und über die Schaulustigen zu fädeln, die
überhaupt nicht registrieren wie angespannt wir die Schleusen
passieren. Die Jungs sitzen mit Schwimmwesten festgeklammert an der
Bugreling und ganz ohne ist es ihnen sicher nicht (Benjamin presst sich
so fest daran, dass er sich schon selber damit weh tut).
Nach jedem Wechsel in die nächste Kammer blicke ich neidvoll nach
hinten, denn hinter uns fährt eine Luxemburger Familie in einer
Calypso. Dieses Schiff hat schon Bugstrahlruder und läßt sich mühelos mit dem Bug
in jede Richtung drücken. Die Crusader benötigt mit ihren zwölf Metern
Länge doch ein paar Verrenkungen, um in den elliptischen
Schleusenkammern vom Schleusenrand abzulegen und dann durch das Tor in
die nächste Kammer zu kommen.
Als wir endlich die sechste Kammer verlassen und auf einem absolut
stillen Canal du Midi einfahren, sind wir alle erleichtert, aber auch
überwältigt von dem Erlebnis. Ich bezweifle, dass die abwärts
schleusenden Boote die Gewalt des Wassers und der Strömung auch nur
annähernd so intensiv erleben konnten, wie wir.
 In Capestang ist kein Platz mehr...
 ... nicht mal unter der Brücke!
Vor dem Tunnel von Malpas können wir nicht anlegen, weil dort momentan
die Marathonstrecke verläuft. Dahinter bietet sich auch keine
einladende Möglichkeit, also entgehen uns das Oppidum von Enserune (6.
JH. vor Christus) und das im 13. JH. trockengelegte "Etang de Montady",
aber das können wir verschmerzen - die Erinnerungen an Schleusentreppe
reichen eine ganze Weile...
Als Nachtquartier beschließen wir Capestang anzusteuern. Der Ort ist unschwer durch eine riesige Kirche zu erkennen, die einer Kathedrale würdig wäre. Doch kaum nähern wir uns der Brücke, treffen
wir auf sehr viele bekannte Boote. Es ist kein Plätzchen mehr frei und deshalb lassen wir den Ort an sich
hinter uns und fahren noch ein Stückchen weiter. Die parallel zu Kanal verlaufende Fernverkehrsstraße stört uns schon
 Dann schlafen wir eben zwischen Weinfeldern! ein wenig. Deswegen legen wir zwei Biegungen später - etwa einen Kilometer
von Capestang entfernt an. Dort ist es herrlich ruhig und nach einem Spaziergang entlang der Weinfelder beendet die Sonne mit einem
wunderbaren Untergang den ereignisreichen Tag.
Letztes Update : 20-08-2008 07:41
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